Drama im Giganten-Duell: Die Taktikanalyse

Bilder: Claudia Pauli
Bilder: Claudia Pauli

Lee Chong Wei hat das wohlmöglich letzte Duell der beiden ewigen Rivalen gewonnen. Der 33-jährige gewann das Giganten-Duell gegen Lin Dan mit 15:21, 21:11und 22:20 und steht damit in seiner Karriere zum dritten Mal im Endspiel der Olympischen Spiele. Es war der erste Sieg des Malayen gegen seinen Kontrahenten bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften. Er hat somit weiterhin die Chance im morgigen Endspiel das erste olympische Gold für Malaysia zu gewinnen. Lange hielt die Partie nicht das, was sich im Vorfeld die Fans erhofft hatten. Erst im dritten Satz zeigten Lin Dan und Lee Chong Wei warum sie das Herreneinzel in den vergangenen Jahren dominieren konnten.  Doch was waren am Ende die ausschlaggebenden Punkte für den Sieg? Unsere Taktikanalyse des Matches.

Satz 1: Lee Chong Wei nervös - Lin Dan zeigt direkt Präsenz 

Beiden Spielern konnte man zu Beginn der Partie die Anspannung deutlich anmerken. Den ersten Punkt sicherte sich Lin Dan, doch daraufhin beförderte er einen einfachen Clear ins Aus. Es begann eine Abtastphase, in der beide Spieler verhalten agierten. Lin Dan wirkte dabei jedoch deutlich sicherer als sein Gegner und erspielte sich eine 4:1-Führung. Angriffspunkte des Malayen, wie der zum 2:4, blieben zu Beginn des Matches Mangelware. Der 33-jährige wirkte deutlich gehemmt und schenkte seinem Rivalen durch vier einfache Fehler die 9:4-Führung. Lin Dan traf währenddessen kaum schlechte Entscheidungen in der Wahl seiner Schläge. Auf zu frühe Angriffe verzichtete der Chinese komplett und ließ seinen Gegner die Fehler machen. Beim Stand von 10:5 gelang ihm zudem ein psychologisch wichtiger Netzroller zum 11:5-Pausenstand. 

Nach der Pause zeigte sich ein etwas verändertes Bild. Lee Chong Wei legte seinen Fokus mehr auf sein Spiel am Netz. Eine taktische Entscheidung, die noch im weitern Verlauf der Partie eine Rolle spielen sollte. Trotz allem kam sein Angriff immer noch nicht oft genug zur Geltung. Dies lag vor allem an der ausgezeichneten Länge in den Schlägen seines Kontrahenten, der sich die hohe Führung nicht mehr nehmen ließ. Lee Chong Wei kam nach 11:18-Zwischenstand zwar noch einmal etwas näher heran, doch ein Smash-Punkt des Titelverteidigers besiegelte den Satzgewinn (21:15).

2. Satz: Komplett verändertes Bild - Lee Chong Wei aggressiver

Zu Beginn des zweiten Durchgangs zeigte sich Lee Chong Wei deutlich aggressiver. Begünstigt durch zwei weitere leichte Fehler ging er schnell mit 5:0 in Führung. Immer wieder schaffte es der Malaye durch frühe Treffpunkte am Netz sich in bessere Position für sein Weltklasse-Angriffsspiel zu bringen. Lin Dan hatte einige Probleme sein Niveau des ersten Satzes zu halten und beim Stand von 2:11 zur Pause, roch es doch sehr nach einem dritten Durchgang. 

Die Versuche des zweimaligen Olympiasiegers das Tempo aus dem Spiel herauszunehmen scheiterten, da Lee Chong Wei jetzt deutlich agiler agierte und immer mehr an Sicherheit gewann. Bei aussichtslosem Rückstand zeigte Lin Dan im Anschluss den leider wenigen Fans im spärlich besetzten Riocentro Pavillion 4 einige Weltklasseschläge, die zu direkten Punten führten. Mehr als ein 11:21 aus seiner Sicht war aber nicht mehr möglich. Zu fehlerbehaftet war sein Spiel im zweiten Satz um Lee Chong Wei ernsthaft unter Druck setzen zu können.

3. Satz: Drama, Drama, Drama!

Im dritten Satz kamen die Zuschauer dann so richtig auf ihre Kosten. Lee Chong Wei erwischte zwar den etwas besseren Start, doch Lin Dan ließ sich nicht abschütteln. Keiner der beiden schaffte es in der Folge sich auf mehr als zwei Punkte abzusetzen. Auffällig war, dass beide Spieler so oft wie möglich versuchten, den Gegner durch netznahes Ablegen unter Bedrängnis zu bringen. Den letzten Punkt vor der Pause sicherte sich Lin Dan durch einen gezockten Kurz-Cross-Ball am Netz. Ein Weltklasseschlag, bei dem auch sein Gegner nur staunen konnte. Mit der psychologisch wichtigen 11:10-Führung für Lin Dan ging es für beide Spieler zum Seitenwechsel. In Folge war die Partie kaum an Spannung zu überbieten. Ein einfacher Fehler von Lin Dan und ein getöteter Ball am Netz verschafften Lee Chong Wei einen guten Start in die entscheidende Phase der Partie. Lin Dan griff in den wichtigen Phasen immer wieder zu einfachen Mitteln. Durch gute Winkelangriffe auf die Rückhandseite seines Gegners und anschließendes Vorrücken ans Netz gelangen ihm einige Punktgewinne. Beim Stand von 13:13 pfiff der Aufschlagsrichter einen Aufschlag des zweimaligen Olympiasiegers zu dessen Verwunderung ab. Doch davon ließ der 32-jährige sich nicht beeinflussen. Die folgenden Punkte spielte er sehr aggressiv, verzeichnete hohe Treffpunkte am Netz und erspielte sich so eine kleine Führung. Diese gab er aber durch zwei einfache Fehler auf seiner Vorhandseite schnell wieder ab und Lee Chong Wei konnte zum 16:16 ausgleichen. Der Malaye versuchte weiterhin das Spiel am Netz für sich zu entscheiden, doch Lin Dan schien mittlerweile besser darauf eingestellt als noch im zweiten Satz. 

Im folgenden Ballwechsel unterlief Lin Dan ein weiterer Fehler. Ein Smashpunkt des Malayen und ein weiterer Punktgewinn am Netz sicherten ihm die so wichtige 19:16-Führung. Nun schien der 33-jährige die besseren Karten in der Hand zu haben. Tatsächlich hatte er zwei Ballwechsel später beim Stand von 20:17 seinen ersten Matchball. Doch durch zwei überragende Punktgewinne kämpfte sich Lin Dan wieder heran (20:19). Die Spannung im Riocentro Pavillion 4 war kaum zu überbieten und der nun folgende Ballwechsel sollte der spektakulärste der gesamten Partie werden. Lin Dan erspielte sich einen Vorteil und tötete am Netz, doch Lee Chong Wei gelang es diesen Ball durch einen starken Reflex zurückzuspielen. Die nächsten beiden Bälle konnte der Chinese nur mit aller letzter Mühe erlaufen, bis er sich wieder in den Ballwechsel zurückgekämpft hatte. Nur wenige Sekunden später unterlief seinem Gegner dann ein Fehler und damit war auch der dritte Matchball abgewehrt. Lee Chong Wei blieb in dieser Drucksituation seiner Taktik treu und übernahm wieder die Initiative am Netz. Lin Dans Ball segelte daraufhin ins Aus. Der vierte Matchball sollte die Entscheidung bringen. Durch einen Zauberschlag, ein verdeckter Cross-Drop beendete Lee Chong Wei die Partie - Endstand 22:20. Der Malaye schrie im Anschluss seine ganze Anspannung und Freude hinaus, während sich Lin Dan erstmals in einem großen Match geschlagen geben musste.

 

Red

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Kommentare: 1
  • #1

    Dennis (Freitag, 19 August 2016 17:49)

    Schöne Zusammenfassung, vor allem in der Kürze der Zeit. Aber eine Taktikanalyse konnte ich leider nicht entdecken. Trotzdem weiter so!