Warum die deutsche Politik unsere Olympia-Athleten im Stich lässt

Man kennt die Bilder nur zu gut. Bei einer Fußball-EM oder WM ist die Bundeskanzlerin bei Spielen mit deutscher Beteiligung regelmäßig zu Gast im Stadion. Auch gemeinsame Fotos aus den Spielerkabinen gehören mittlerweile zur Normalität. Bei den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro wird Angela Merkel dem deutschen Team jedoch keinen Besuch abstatten. Selbst der für Sport zuständige Innenminister Thomas de Maiziere sagte seine geplante Reise nach Brasilien aufgrund der aktuell angespannten Sicherheitslage in Deutschland ab. Bundespräsident Joachim Gauck, der am Auftaktwochenende die deutschen Sportler besuchen wollte, hatte seine Reise wegen einer Zahnoperation abgesagt. Verteidigungsministerin von der Leyen, die mit ihrem Ministerium zahlreiche Olympia-Sportler als "Sport-Soldaten" fördert, hatte ebenso wie die Bundeskanzlerin keine Rio-Reise geplant.

Dieser Umstand stößt auch bei einigen deutschen Olympia-Athleten auf Unverständnis. Moritz Fürste, der Kapitän der deutschen Hockey-Nationalmannschaft und zweimaliger Olympiasieger äußerte sich zu diesem Thematik gegenüber dem SID wie folgt: "Ich frage mich seit Jahren, woran es liegt, dass die Bundeskanzlerin beim Fußball immer in der Kabine zu finden ist. Beim Bahnradfahren, Reiten oder Hockey hab ich sie noch nie gesehen." Eine Einschätzung, die man als sportbegeisterter Zuschauer nur teilen kann. Alle vier Jahre fordert die Politik zahlreiche Medaillen der deutschen Sportler, gibt den Verbänden zudem harte Vorgaben, doch an tatsächlicher Unterstützung mangelt es oft. 

Das alles in einem Land, in dem vor genau einer Woche an einem Sonntagabend zur besten Sendezeit das Supercup-Spiel im Fußball zwischen Bayern München und Borussia Dortmund über 7 Mio. Zuschauer im ZDF einschalten. Zum Vergleich interessierten sich nur 4,3 Mio. Zuschauer für das gleichzeitig laufenden olympische Programm in der ARD. Solche Fakten zeigen, in welche falsche Richtung sich die deutsche Sportkultur entwickelt hat. Das Interesse an einer offensichtlich unwichtigen Fußballpartie ist größer als am größten Sportereignis der Welt, das nur alle vier Jahre stattfindet. Übertragung von Regionalligapartien im Fußball gehören mittlerweile zum Standard. Badminton,  Hockey oder Turnen finden hingegen nur alle vier Jahre für ein paar Stunden Beachtung. Eine Enwicklung, die die Verantwortlichen der Verbände von sogenannten "Randsportarten" gerne entgegen wirken würden. In vielen Sportarten mangelt es dabei an Geld und Aufmerksamkeit. 

Umso wichtiger wäre ein Zeichen der deutschen Politik gewesen und ein Besuch der deutschen Athleten in Brasilien durch die Bundeskanzlerin mehr als angebracht, doch diese Gelegenheit wurde zum wiederholten Male verpasst. Dadurch werden falsche Entwicklungen vermutlich eher noch gefördert als gestoppt. Immerhin hat Innenminister Thomas de Maiziere angekündigt, beim Empfang der deutschen Athleten nach ihrer Rückkehr aus Rio am kommenden Montag in Frankfurt dabei sein zu wollen. Ein schwacher Trost! 

 

Red

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Kommentare: 1
  • #1

    Falko (Sonntag, 21 August 2016 14:01)

    Leider kann ich bis heute nicht verstehen, wo der Mehrwert eines sportlichen Erfolges durch die Präsenz von Politikern im Publikum ist. Nach meiner bescheidenen Meinung sollen sie Ihren Job machen - also das Land regieren und sich präsentieren. Das gilt für mich für Fussballspiele genauso wie die Olympischen Spiele, andere Sportveranstaltungen aber auch für Unglücke oder Naturkatastrophen die ausreichend viele Menschen in diesem Land betreffen um ein adäquates Publikum zu erhalten. Die Politiker dürfen gern zeigen, dass sie am Land, seinen Problemen und Erfolgen interessiert sind, aber das können sie auch in Interviews aus Bonn und müssen dazu keine wertvolle Zeit und Steuergelder verschwenden um ständig mit einem Stab an Sicherheitspersonal durch die Welt zu reisen.